Die Vernetzung funktioniert gut

Die Vernetzung funktioniert gut

Die Mittelzentren im Kammerbezirk Leipzig strahlen unterschiedlich stark auf ihre unmittelbare Umgebung aus. In einer neunteiligen Reihe, die in Heft 6/2011 mit Delitzsch begann, sollen diese „kleinen Metropolen" näher unter die Lupe genommen werden - vor allem unter dem Blickwinkel der Entwicklung der ortsansässigen Wirtschaft und der Innenstädte.

Wurzen ist nicht nur Domstadt und Geburtsort des Dichters Joachim Ringelnatz, sondern eine Stadt mit einer traditionsreichen Wirtschaft. Während Namen wie Wurzener Nahrungsmittel oder Wurzener Dauerbackwaren so gut wie jeder kennt, liegen die Absatzmärkte von Firmen wie HOFFMANN Fördertechnik oder CRYOTEC Anlagenbau überwiegend im Ausland. Letztgenanntes Unternehmen liefert beispielsweise Luftzerlegungsanlagen und Anlagen zur Erzeugung technischer Gase nicht nur an Kunden in Deutschland, sondern weltweit - von Osteuropa und dem Nahen Osten bis nach Afrika oder Südamerika.

Mit dem Wurzener Oberbürgermeister Jörg Röglin und mit Dr. Ulrich Heß, Vorsitzender der Standortinitiative Wurzen, trafen wir uns zum Gespräch.

Womit kann Wurzen bei Investoren punkten?                                                                           

Jörg Röglin: Zunächst mal mit der Infrastruktur: Durch die B 6 und die A 14 sowie Eisenbahnanschlüsse ist die Stadt verkehrstechnisch hervorragend angebunden. Aber auch weiche Standortfaktoren sprechen für Wurzen. So finden Sie bei uns auch sehr gute Bedingungen für die Betreuung von Kindern und die schulische Ausbildung.

Worin sehen Sie das Potenzial der Stadt? 

Dr. Ulrich Heß: Vor allem in der Qualität der Unternehmen. Viele Firmen verfügen über eine lange Tradition, sind aber trotzdem sehr agil geblieben. Eine Reihe ehemals staatlicher Betriebe wurde reprivatisiert und hat sich in den letzten 15 bis 20 Jahren erfolgreich entwickelt. Eine Stärke von Wurzen ist auch, dass die Unternehmer gut zusammenarbeiten. Die Vernetzung vor Ort funktioniert aus meiner Sicht sehr effektiv.

Was soll künftig im Zentrum der Wirtschaftsförderung stehen? 

Jörg Röglin: Die Stadtverwaltung unterstützt Unternehmen bei der Aufrechterhaltung oder der Erweiterung ihrer Geschäftstätigkeit. Als unsere Aufgabe betrachten wir es darüber hinaus, die Wahrnehmung der Stadt nach außen zu erhöhen und ihr Image zu stärken. Wir unterstützen die Netzwerkarbeit der Firmen und setzen uns dafür ein, die Grundlage für den notwendigen Fachkräftenachwuchs zu schaffen.  

Dr. Ulrich Heß: Gerade das Thema Fachkräfte wird ein zentraler Punkt in den kommenden 20 Jahren sein. Für unsere Stadt ist es wichtig, bei jungen Menschen die Wahrnehmung und den Stellenwert von Industrieberufen zu verbessern. Zum diesjährigen 1050. Bestehen der Stadt wird es deshalb im September ein Jubiläumsbuch über Wurzen geben, in dem sich Unternehmen präsentieren. Das wird den Schülern der 9. Klasse kostenlos überreicht, um eine gezielte Berufsorientierung zu ermöglichen.

Wie steht es in Wurzen um die Entwicklung der Innenstadt?  

Jörg Röglin: Um hier etwas zu erreichen, müssen sich alle Gewerbetreibenden beteiligen. Unlängst wurde im Stadtrat ein Einzelhandelskonzept beschlossen, mit dem die Entwicklung besonders sensibler Bereiche wie des Stadtzentrums künftig besser gesteuert werden kann. Zur Stärkung der Innenstadt haben wir bereits einige Projekte umgesetzt. Dazu gehört das Nachtshopping, das seit drei Jahren im Frühjahr und im Herbst stattfindet. Hierbei öffnen jeweils rund 70 Händler von 18 bis 22 Uhr ihre Geschäfte, was über die Stadtgrenzen hinaus eine gute Resonanz findet. Die Aktion stärkt zugleich das Wir-Gefühl der Unternehmerschaft. Für die Entwicklung der Innenstadt soll künftig das Quartiersmanagement stärker berücksichtigt werden.   

Dr. Ulrich Heß: Neben der Nachtshopping-Aktion hat die Standortinitiative Wurzen zum Beispiel eine Ausstellung über die Industrie in Wurzen organisiert, die auch in Chemnitz, Borna und unserer Partnerstadt Warstein gezeigt wurde. Wir entwickeln außerdem Ideen zu Themen wie Kundenfreundlichkeit oder zum Generationswechsel in der hiesigen Unternehmerschaft.

Wie funktioniert in Wurzen die Zusammenarbeit zwischen Politik und Wirtschaft? 

Dr. Ulrich Heß: Die Stadt ist Gründungsmitglied der Standortinitiative und der jeweilige Oberbürgermeister sitzt automatisch im Vorstand unseres Vereins. So gehen Lob oder Kritik direkt an seine Adresse. Wird die Wirtschaft bei ihren Projekten von der Stadt unterstützt, hat dies mehr Gewicht - beispielsweise auch, um auf Landesebene mehr Gehör zu finden. 

Jörg Röglin: Als Oberbürgermeister bemühe ich mich um guten Kontakt zu allen Unternehmen, wenngleich das aus Zeitgründen natürlich nicht bei jedem gelingt. Deshalb begrüße ich Netzwerke wie die Standortinitiative, weil man auf diese Weise die Unternehmerschaft gebündelt ansprechen kann.

Vielen Dank für das Gespräch!

Aus der Zeitschrift der IHK zu Leipzig „wirtschaft" 7-8/2011



erstellt: 02. 11. 2011