Schlemmen mit Ambiente

Schlemmen mit Ambiente

Schloss Wurzen lockt mit gehobener regionaler Küche und sehr viel Historie

Wurzen. Diese Stadt blickt auf eine 1050 Jahre währende Geschichte zurück. Und wohl nirgends konzentrieren sich die architektonischen Zeugen der Vergangenheit so stark wie im Areal rund um den Wurzener Dom und das Schloss. Ein guter Grund, dort mal vorbei zu schauen und sich schlau zu machen. Das dachte sich offenbar auch Ronny Wedekind.
Der erwarb das Schloss vor fast zehn Jahren, um dort hochklassige Gastronomie anzubieten. Freilich nicht allein - es war und ist ein Familienprojekt, betont Wedekind ausdrücklich. Ein Projekt, das seit 2002 unheimlich viel Kraft, Zeit und Geld verschlang. "Aber nichts davon haben wir bereut", sagt der 33-Jährige, der das Schloss gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Susan Ackermann führt. Selbst nach all den Jahren in dem historischen Gemäuer - seit einiger Zeit wohnt das Paar sogar hier - gerät Wedekind unverzüglich ins Schwärmen, wenn er auf die Anlage angesprochen wird.
Gerade die Mischung der Bauelemente mache den Unterschied. Denn das Schloss entstand in seiner derzeitigen Form im 15. Jahrhundert. "Dabei wurde in vielen Gesichtspunkten eine Residenz angelegt. Gleichzeitig hat die Anlage aber noch einen recht wehrhaften Charakter." So gebe es noch einen Schlossgraben und eine Zugbrücke, gleichzeitig aber auch große Fenster und Mauerdurchbrüche, die für Verteidigungszwecke natürlich "katastrophal" seien. Aber die spielen ja heute eher eine untergeordnete Rolle.
"Unseren Besuchern gefällt das historische Ambiente", sagt Wedekind stolz. Im letzten Jahr kamen insgesamt 15 000 Besucher - aus der Region und von weither. Und die sind oft äußerst neugierig. "Das Schloss mit seiner Geschichte ist doch ein Glücksfall für unsere Stadt." Weil die Gäste meist gern mehr wissen wollen, bietet Wedekind ganz selbstverständlich Führungen durch die Gebäude und Anlagen an. "Das beginnt bei den verschiedenen Sälen und Zimmern, die wir im Augenblick bewirtschaften und endet vielleicht auch mal auf dem Dachboden oder im Burggraben." Wer mag, kann nach so einer Führung auch noch im Burggraben mit Pfeil und Bogen hantieren oder Beilwerfen üben. Und ob Weinkeller und Fürstensaal, Jagdzimmer oder Gerichtssaal - der Schlossherr hat zu allen Räumlichkeiten eine Anekdote parat.
Auch dazu, wie das Schloss aussah, als die Familie es 2002 übernahm - grauslich nämlich. Und wie viele Überraschungen die Bausubstanz in den vergangenen Jahren noch preisgegeben hat. "Schon die meterdicken Zwischendecken aus Massivholz", sagt Wedekind lachend und winkt ab. Dazu die Wandmalereien, kostbare Kassettendecken und eine Vielzahl kunstvoller Gewölbe. "Aber im Detail würde das jetzt zu weit führen."
Moderne Gastronomie in einem so alten Gebäude - das ist für Wedekind, der bereits als 16-Jähriger in der Gastronomie anfing, kein Widerspruch. Eher das Gegenteil. "Nur lecker Essen hinstellen, das reicht heute eben nicht mehr. Die Leute wollen die Verbindung von kulinarischer Finesse und Kultur." Sein Haus stehe für eine gehobene bürgerliche Küche. Mit zwölf Mitarbeitern ist der Chef nach eigenem Bekunden täglich daran, den hohen Erwartungen der Gäste gerecht zu werden. Und da wird ein Extralob für die Belegschaft fällig, sagt Wedekind. "Ohne unser Stammpersonal wäre vieles nicht möglich. Da läuft das meiste von ganz allein. Ohne Worte."
Muss es wohl auch - bei allein 50 Hochzeiten im Jahr, die sich natürlich vor allem auf die Sommermonate konzentrieren. Und bei Platz für gut 300 Gäste in den diversen Sälen und auf dem Freisitz. Muss es auch deshalb, weil die Gäste auf Schloss Wurzen nicht nur essen und trinken, sondern auch übernachten können. "Der Hotelbetrieb beschränkt sich zwar momentan auf 15 Zimmer im alten Kornhaus. Aber wir wollen ausbauen." So wie es finanziell darstellbar ist bei einem Haus, auf das der Denkmalsschutz aus verständlichen Gründen stets ein waches Auge hat. "So einen Job wie meinen muss man lieben", sagt Wedekind zum Abschied. "Das ist keine Arbeit, sondern mein Hobby. Ein Projekt fürs ganze Leben."
Markus Tiedke

Leipziger Volkszeitung vom 19.07.2011



erstellt: 20. 07. 2011