Biobauer mit prämierter Milch

Biobauer mit prämierter Milch

Agrar-Ingenieur René Döbelt führt Landgut Nemt in erste Liga des ökologischen Gemüseanbaus

Wurzen-Dehnitz. Wenn Döbelt den alten VW, der fast 320 000 Kilometer runter hat, über die holprigen Feldwege lenkt, dann ruhen die braunen Augen auf den schnurgeraden Erdwällen, aus denen das Kraut von Zwiebeln, Kartoffeln und Möhren hervorschaut. "GPS machts möglich", freut sich der Landwirt über die Systeme, die Traktoren auf den Millimeter genau lenken, bevor der Samen in den Boden kommt. "Korrekte Abstände erleichtern die Pflege der Felder", erklärt der diplomierte Agrar-Ingenieur.
Die gepflegten Hände des Mannes verraten, dass er nicht mehr selbst mit der Hacke durch die Reihen geht, um dem Biogemüse Platz zu verschaffen oder den Kühen das Melkgeschirr ans Euter legt. "In den einzelnen Bereichen arbeiten Fachleute, die auf ihrem Gebiet besser sind als ich", sagt Döbelt, der sich auf seiner Visitenkarte als Geschäftsführer bezeichnet und im Leben als kluger Stratege einer landwirtschaftlichen Unternehmensgruppe agiert.
Döbelt stammt aus einer Familie mit vier Kindern und wuchs in der Nähe von Torgau auf. Zwei Brüder traten in die Fußstapfen des Vaters, der als Ingenieur arbeitete. Die übrigen beiden folgten der Mutter und wählten die Land- und Ernährungswirtschaft. Schon während des Studiums an der Martin-Luther-Universität in Halle habe er sich für ökologischen Landbau interessiert und Studentenvorlesungen gehalten, erinnert sich der schlanke Mann. "Hörer von damals sind heute die Professoren in diesem Fach", schmunzelt er.
Ihn zog es aufs Land. Bei Wurzen fand er 1991 eine ehemalige LPG in der Abwicklung, kaufte den Stall und pachtete von den Mitgliedern das Land. "Ich hatte die Illusion, mich zehn Jahre reinzuhängen und dann würde der Laden allein laufen", so Döbelt. Er hängt sich nunmehr seit zwanzig Jahren rein und das Unternehmen floriert. "Aber Korrekturen sind immer wieder notwendig."
Heute bewirtschaftet das Landgut Nemt bei Dehnitz rund 800 Hektar ­Fläche, von denen die Hälfte im Trinkwasserschutzgebiet liegt, und 600 Milchkühe. Neben Feldbau und Tierproduk­tion gehören eine eigene Bäckerei und Molkerei sowie eine Biogas-Anlage zur Unternehmensgruppe. Ökologisch erzeugte Kartoffeln, Zwiebeln und Möhren verkauft das Landgut nicht nur ­bundesweit, sondern auch über die Grenzen Deutschlands hinaus. Rund 1000 Tonnen Gemüse ernten die Bauern im Durchschnitt jedes Jahr von den Feldern. "Das sind Mengen, die wahrgenommen werden", erklärt der Unternehmensgründer. Über Kontrakte mit Verarbeitern werde ein Auftragsanbau vorgenommen. Im vorigen Jahr wuchsen Pastinaken für Alete. Derzeit liegt die Saat für rote Beete im Boden.
Aber der umtriebige Unternehmer ist über den klassischen Öko-Anbau hinausgegangen. "Raus aus dem Standardsortiment", sei seine Strategie gewesen. Er habe Synergien gesucht und gefunden, sagt der Chef, der heute sein Augenmerk darauf richtet, Geld für die Unternehmensentwicklung zu beschaffen und zu verdienen. In der von seinem Bruder Karsten geführten Molkerei und der Bäckerei werden das auf dem Feld gereifte Getreide zu Biobrot und die Landmilch zu Quark, Joghurt und Käse verarbeitet. Das Landgut Nemt stellt inzwischen 150 regionale Produkte in verschiedenen Packungsgrößen her, die im Hofladen direkt vermarktet werden oder über den Bringedienst an inzwischen 1500 Privatkunden ausgeliefert werden. Die verschiedenen Tochtergesellschaften mit insgesamt 50 Beschäftigten haben im vorigen Jahr sieben Millionen Euro umgesetzt. Über den Gewinn schweigt sich der Unternehmer aus. Investitionen in die Landwirtschaft seien kostenintensiv, da bleibe am Ende des Jahres nicht viel übrigt.
Die Wirtschaftlichkeit des Unternehmens hat den Vater dreier Kinder vor zehn Jahren zu einer spürbaren Kurskorrektur bewogen. Als er aus der ökologischen Milcherzeugung ausstieg, habe es einen Aufschrei in der Branche gegeben. "Milchproduktion im Ökolandbau auf trockenen Standorten wie den unseren ist defizitär", erklärt Döbelt. Heute wird der überwiegende Teil der konventionell hergestellten Jahresmenge von 5,5 Millionen Kilogramm Milch bei Frischli in Weißenfels abgeliefert. Zehn Prozent wird selbst verarbeitet. Die Nemter Landmilch hätte noch alle guten Inhaltsstoffe, ist nach 24 Stunden beim Kunden und eine Woche haltbar, so der Landwirt. Die Deutsche Lebensmittelgesellschaft belohnte das Produkt mit einer Goldmedaille.
Mit rund zehn Prozent am Umsatz ist die Biogas-Produktion eine wichtige Säule in der Gruppe. Unternehmerisches und ethisches Handeln gleichermaßen treiben den Sachsen an, Gülle zu Geld zu machen. "Wir müssen raus aus dem Flächenverzehr", sagt der sportliche Landwirt, der die 450 Kilometer zwischen Leipzig und Ostseestrand per Rad und auf einen Ritt zurücklegt. Rückschläge wie das Zerbersten von fünf Meter hohen Güllebehältern bei einer Druckprobe können ihn nicht aufhalten. "Wirtschaft funktioniert wie Sport: Auch wenn es weh tut, darf man nicht nachlassen." Eine zweite Biogas-Anlage mit einer Leistung von 300 Kilowattstunden befindet sich gerade im Bau.

Ein alter Stall und 10000 D-Mark waren sein Startkapital. Damit brachte René Döbelt das Landgut Nemt in die bundesweit erste Liga der Biogemüsebauern. Mit ökologischer Bewirtschaftung hat der 45-Jährige Feldbau und Tierhaltung im Trinkwasserschutzgebiet bei Wurzen möglich gemacht.
Von Birgit Schöppenthau.

Leipziger Volkszeitung vom 28.05.2011



erstellt: 31. 05. 2011

Landgut Nemt