"Warten auf die Krise ist die Katastrophe"

"Warten auf die Krise ist die Katastrophe"

Direktorin Barbara Steiner verlässt die Galerie für Zeitgenössische Kunst

Zehn Jahre sind genug, sagt Barbara Steiner - und verlässt zum Jahresende die Galerie für Zeitgenössische Kunst, die sie seit 2001 leitet. Im Interview zieht die 46-Jährige ein Resümee, spricht über Leipziger Kulturpolitik und eigene Pläne.
Frage: Sie gehen nach zehn Jahren. Viele sind darüber überrascht. Überrascht Sie das?
Barbara Steiner: Ich habe von Anfang an gesagt, dass für mich nach zweimal fünf Jahren Schluss ist, auch wenn ich länger bleiben kann. Und ich glaube, dass es gerade für eine Institution für zeitgenössische Kunst wichtig ist, dass sich das Profil von Zeit zu Zeit ändert. Man kann es auch andersherum formulieren: Auch die Stadt braucht wieder eine Herausforderung.
Wie war es am Anfang Ihrer Amtszeit?
Als ich hier ankam, wurde ich in den Kulturausschuss zitiert. Es hieß, wir seien viel zu elitär. Man fragte, was hat das mit der Stadt zu tun, wollte die Unterstützung überdenken. Dann hat auch der Freistaat gesagt, man wolle nicht mehr Gesellschafter sein. Das ist vom Tisch, und das hat auch mit der Arbeit zu tun, die geleistet wurde. Vielleicht ist es im schwierigen Segment "zeitgenössische Kunst" etwas übertrieben, es so zu formulieren, aber wir sind geradezu beliebt.
Wie sind Sie mit der Stadt in einen Dialog gekommen?
Wir hatten keine eigenständige Kunstvermittlung. Seit 2005 gibt es die "GfZK for you". Anfangs dachten wir, dass die Schulen und Kindergärten von selbst kommen. Das war nicht so. Also sind wir zu ihnen gegangen. Die vielen Aktivitäten in der Stadt, in den Schulen, in den Kindergärten, die Kooperationen mit anderen - all das hat unseren Status sehr verändert.
Was ist an dem Stigma "elitär", abgesehen vom damit offenbar verbundenen Finanzierungsproblem, so negativ?
Es bedeutet immer auch eine Art Abgehobenheit, die mir nicht gefällt. Für mich steht der Begriff für ein Denken wie einen Zustand, der eine Gesellschaft spaltet. Denn es gibt einen Riesenspalt zwischen den wenigen, die viele Chancen bekommen, und den vielen, die außen vor bleiben. Wir wollen nicht dazu beitragen, dass die gesellschaftlichen Gruppen mehr und mehr auseinander dividiert werden.
Gibt es noch Vorbehalte?
Natürlich erzeugt "zeitgenössische Kunst" bei vielen sofort ein abschreckendes Bild: Kunst, Ausstellungen, die keiner versteht: Da gehe ich nicht hin. Diese Meinung haben auch in Bezug auf die GfZK viele, ohne uns zu kennen. Doch unsere Gebäude und unsere Ausstellungen zeigen ja nur einen Ausschnitt unserer Aktivitäten. Dass wir auch in die Stadt gehen - wie zum Beispiel nach Grünau - wissen viele nicht. Dort haben wir ein Projekt mit Kindergartenkindern begonnen, die im Austausch mit Kindern in Salé in Marokko stehen. Auch das Programm der Neuen Auftraggeber wäre hier zu nennen. 2010 waren wir in Kleinliebenau, 2011 geht es nach Wurzen.
Wenn Sie auf bald zehn Jahre Erfahrung mit Kulturpolitik in Leipzig blicken. Haben sich alle so bewegt wie die GfZK?
Im Großen und Ganzen kann man sagen, dass deutlich mehr passieren sollte, weil die Kultur der Stadt vor ihren größten Herausforderungen seit 1990 steht. Das Untereinander der Kulturinstitutionen hat sich allerdings sehr gut entwickelt. Jedoch: Es fehlt an überzeugenden Konzepten, wie man Institutionen neu denken und betreiben könnte. Sind Institution und Programm an einen Ort gebunden? Können Institutionen vielleicht sogar selbst beweglicher werden? Welche neuen Formate sind denkbar? Die gegenwärtig dominierenden Rezepte - also immer wieder ein bisschen kürzen - sind alt und stoßen zwangsläufig an ihre Grenzen. Im ­Prinzip soll es so weitergehen wie ­bisher, mit weniger Mitteln. Und genau das funktioniert nicht. Dabei gibt es neue Modelle, ich denke nur an das Forum zeitgenössischer Musik oder an DOK Leipzig. Sie werden meiner Meinung nach zu wenig als wegweisend sondern eher als Nische wahrgenommen. Das trifft übrigens auch auf die GfZK zu.
Was kann, was müsste man Ihrer Meinung nach machen?
Mehr Mut zu neuen Modellen entwickeln und das hieße im einen oder anderen Falle eine inhaltliche Umstrukturierung und Neuausrichtung. Man muss dabei sehr langfristig denken. Es böte sich aber auch die Chance, voranzugehen und andere Institutionstypen zu generieren. Doch bin ich optimistisch. Schwierige Situationen bringen mit sich, dass sie neue Lösungen geradezu erzwingen.
Mit welchem Begriff würden Sie die Kulturpolitik der letzten Jahre beschreiben - mit "wachsende Anspannung"?
Nein, ich sehe die Anspannung nicht. Ich würde es eher als Lethargie bezeichnen. Eine handfeste Krise macht kreativ oder man geht unter. Das Warten auf die Krise ist die eigentliche Katastrophe. Denn es führt meist zu Inaktivität.
Was haben die fast zehn Jahre in Leipzig mit Ihnen gemacht?
Ich hatte zuvor immer nur kurze Verträge. Irgendwann wurde mir klar, dass dies absichtsvoll verhindern sollte, an den jeweiligen Orten tatsächlich etwas zu verändern. In Leipzig wollte ich wissen, was man in einer Stadt tun kann, wenn man sich hundertprozentig einbringt.
Und was war nun anders?
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Wirkung mancher Projekte erst nach fünf bis zehn Jahren so richtig einsetzte. Ich konnte es kürzlich erst wieder beobachten: Auch die Rezeption von "Carte Blanche" beginnt sich ins Positive zu wenden.
Werden Sie in Leipzig bleiben?
Ich bin gerne hier und werde hier einen Wohnsitz behalten. Nicht zuletzt, weil mein Mann, den ich hier kennengelernt habe, ein sächsischer Landesbeamter ist. Das ist das eine. Vielleicht ist die Zahl der Ehrenämter aber auch ein Gradmesser für die Eingebundenheit. Oder ein Zeichen, dass man einen Ort verlassen sollte? Als ich hierher kam, war es mein 19. Umzug. Aber nun drängt es mich auch wieder in die Welt.
Was haben Sie vor?
Ich mache zunächst eine Ausstellung über Europa in elf Städten innerhalb und außerhalb Europas. Das Projekt fängt 2011 in Leipzig an. Das wird mich mindestens drei Jahre beschäftigen. Es wird sich zeigen, ob diese freie Tätigkeit ein Intermezzo bleibt.
Interview: Jürgen Kleindienst

Leipziger Volkszeitung vom 8.2.2011



erstellt: 09. 02. 2011