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St. Wenceslai
Aktuelles
"Wurzens Mitte hat eine Chance"
Birgit Hessel über Geschäftsperspektiven in Wurzen, Engagement der Händler und Schwarz-Weiß-Malerei
Wurzen. Das Einzelhandelskonzept für die Stadt war am Montag der vergangenen Woche Thema auf einer Veranstaltung der Standortinitiative Wurzen (SiW). Katrin Hussock, als Marketingkoordinatorin für die Stadt tätig, kritisierte auf dieser Veranstaltung die Passivität der Gewerbetreibenden und Geschäftsinhaber. Ohne ihre Initiative, so Hussock, würde sich gar nichts tun. Doch so gehe es nicht weiter, die Händler müssten in Zukunft selbst aktiv werden (LVZ berichtete). Das Echo auf Veranstaltung und LVZ-Berichterstattung fiel kräftig aus. Birgit Hessel, neu ernannte Innenstadtbeauftragte der SiW, äußerte sich im Interview zu Vorwürfen und Perspektiven.
Frage: Die Marketingkoordinatorin der Stadt kritisierte unter anderem, von den Händlern und Gewerbetreibenden gingen keine Impulse aus, ohne Antrieb von außen gebe es keine Initiative.
Birgit Hessel: Dieser pauschale Vorwurf kann so nicht stehen bleiben. Kaufleute und Gewerbetreibende sind auch Unternehmer. Unser Geschäft orientiert sich an Kundenwünschen, an den Erwartungen an Produktqualität und Service. Daneben tragen wir Verantwortung für unsere Mitarbeiter. All das ist seit mehr als 20 Jahren Selbstverständlichkeit und wird von allen umgesetzt, die die Regeln des Marktes akzeptiert haben.
Wie sind die Ausführungen auf der Versammlung bei Wurzener Händlern und Gewerbetreibenden angekommen?
Die Äußerungen, die auch in der LVZ nachzulesen waren, lassen an Respekt und Anerkennung für unsere Arbeit fehlen. Es wurde ein sehr negativer Eindruck von und in der Händlerschaft erweckt.
Frau Hussock bemängelte zwar auch zum Beispiel zu kurze Öffnungszeiten und nicht bei allen Händlern vorhandenes Serviceverständnis, doch in erster Linie galt ihre Kritik dem fehlenden Engagement bei Gemeinschaftsaktionen. Liegt sie damit falsch?
Es wurde der Eindruck erweckt, dass die Kaufkraft der Bürger unserer Stadt und die Stadtentwicklung maßgeblich von Events der Gewerbetreibenden abhängen, die ihr Geschäft nur sehr mittelmäßig verstehen und schlecht organisiert sind. Es ist gut, dass solche Polemik unsere Kunden nicht wirklich erreicht und sie uns unbeeindruckt davon besuchen.
Im Gegensatz zu Ihrer Äußerung stand am Montag allerdings die Aussage von Mathias Vclek von der BBE Handelsberatung in Erfurt, die im Auftrag der Stadt den Entwurf für ein Einzelhandelskonzept erstellte. Demnach fließt über die Hälfte der Kaufkraft ins Paunsdorf-Center, ins PC, ab. Auch Kolleginnen beklagten den mangelnden Einkaufspatriotismus der Wurzener, sprachen vom Ende ihrer Kräfte. Sogar Geschäftsschließung wurde angekündigt.
Die Lage ist in der Tat nicht einfach und mit Schwarz-Weiß-Malerei ist das äußerst komplizierte Marktgefüge nicht abzubilden. Nehmen wir zum Beispiel die Kaufkraft, die maßgeblich dafür ist, was die Menschen zum Ausgeben zur Verfügung haben, und damit auch für die Umsätze im Handel. Sie entwickelt sich in erster Linie durch Beschäftigungswachstum und Industriearbeitsplätze, das können wir Händler aber nur sehr begrenzt beeinflussen.
Kaufkraft ist das eine, Kaufkraftbindung das andere. Lässt sich der hohe Abfluss des vorhandenen Geldes vor allem ins PC stoppen oder zumindest korrigieren?
Das ist eine Frage, mit der sich wirklich jeder Händler und Gewerbetreibende beschäftigen sollte - nein, beschäftigen muss. Sicherlich können Events wie das Nachtshopping das Image eines Einkaufsbereiches verbessern, wenn es entsprechend vermarktet wird und wenn dann auch alle mitziehen und zum positiven Eindruck beitragen. Die wirtschaftliche Erwartung auf volle Kassen ist dabei eher sekundär, es geht bei Events grundsätzlich eher darum, eine Langzeitwirkung zu erzielen und den Besuchern zu zeigen, dass sich das Wiederkommen lohnt. Um die Kaufkraft wirkungsvoll an Wurzen zu binden, sind andere Dinge noch nötiger. Das, was ich schon anfangs sagte, das intensive Eingehen auf Kundenwünsche zum Beispiel oder eine gute Produktqualität. Wir werden in Wurzen die Vielfalt wie im PC und in Leipzig nicht bieten können. Das müssen wir durch andere Dinge wettmachen, durch mehr Freundlichkeit, durch mehr Service. Da sind wir alle gefordert. Aber auch mehr Sauberkeit gehört dazu, ein angenehmes Einkaufserlebnis. Bei diesen Punkten können wir die Stadt nicht aus der Verantwortung entlassen, schließlich sind wir alle auch Steuerzahler.
Der Vortrag von Katrin Hussock stand unter dem Titel "(K)eine Chance für Wurzens Mitte?" Kommt in Ihrer Antwort das "k" vor?
Ein ganz deutliches Nein! Wurzens Mitte hat eine Chance. Dabei hilft Jammern aber definitiv nicht weiter. Es reicht auch nicht, einen Laden zu besitzen. Als Händler erfolgreich waren schon im Mittelalter diejenigen, die das richtige Produkt für den jeweiligen Markt hatten und es auch entsprechend anpriesen. Für einen geeigneten Marktplatz war allerdings die jeweilige Stadt zuständig. Erfolg war schon damals nur gemeinsam möglich.
Interview: Heinrich Lillie
Leipziger Volkszeitung vom 1.2.2011
erstellt: 01. 02. 2011
