"Wir müssen am Ball bleiben"

"Wir müssen am Ball bleiben"

Schulleiter Norbert Gamnitzer über neue Herausforderungen am Lichtwer-Gymnasium

Wurzen. Norbert Gamnitzer ist Lehrer für Mathematik und Chemie. Seine Schullaufbahn begann 1979 an der polytechnischen Oberschule in Röcknitz. Seit 1985 unterrichtete er an der Landwirtschaftsschule in Wurzen. 1992 wechselte er von dort ans Berufliche Schulzentrum Leipziger Land mit Hauptsitz in Böhlen, das er bis zum Sommer 2010 führte. Zu Beginn des Schuljahres 2010/2011 übernahm der Pädagoge die Leitung des Lichtwer-Gymnasiums in Wurzen. Gamnitzer lebt mit seiner Familie in Roitzsch.
Sie haben bis zum Sommer das Berufliche Schulzentrum Leipziger Land geleitet. Was hat Sie dazu bewogen, sich in Wurzen zu bewerben?
Ich habe noch einmal eine berufliche Veränderung, eine Herausforderung gesucht. Außerdem hat es natürlich seine Vorteile, eine Schule am eigenen Wohnort zu führen.
Gab es in Böhlen keine Herausforderungen mehr für Sie?
Die Frage habe ich erwartet. Der Umstrukturierungsprozess dort ist zwar noch nicht abgeschlossen aber auf einem guten Weg. Momentan sichtbarstes Zeichen ist die Konzentrierung der Gärtner und Floristen am Beruflichen Schulzentrum in Wurzen.
Worin besteht der Unterschied zwischen der Leitung eines Gymnasiums und ihrer Arbeit am BSZ?
Am BSZ lernen zwar über 1000 Lehrlinge aber die sind nur etwa ein Drittel der Zeit an der Schule. Hier am Gymnasium müssen täglich mehr als 600 Schüler betreut werden. Das ist schon von der Organisation eines normalen Arbeitstages her ein gewaltiger Unterschied.
Sie unterrichten auch selbst?
Ja, Chemie in der siebten Klasse. Chemieunterricht habe ich zwar auch am Beruflichen Gymnasium in Markkleeberg gegeben, aber dort waren es Elftklässler. Das Arbeiten mit den jüngeren Schülern erfordert natürlich eine ganz andere Herangehensweise. Das macht Spaß, aber ich musste mich umstellen.
Sie sind seit über 30 Jahren Lehrer. Spüren Sie Unterschiede bei den Schülergenerationen?
Unterschiede gibt es. Die sind sicher schon für Leute spürbar, die vor 15 Jahren ihr Abitur gemacht haben ...
... hängen die Schüler im Vergleich zu früher im Lernverhalten zurück?
Das würde ich nicht sagen. Die Lernbereitschaft ist, wie früher auch, von Schüler zu Schüler unterschiedlich ausgeprägt. Manches, was früher von Lehrerseite als selbstverständlich vorausgesetzt werden konnte, ist heute aber nicht mehr selbstverständlich. Wir bieten am Gymnasium eigens ein Fach an, in dem Fünft- und Sechstklässler das Lernen lernen. Das ist ein sinnvolles Angebot. Schüler treten heute auch selbstbewusster auf als vor 20 Jahren. Bei den neuen Medien haben die Jugendlichen vielfach einen Vorsprung im Handling auf ihre Lehrer.
Wie gehen Sie damit um?
Wir müssen am Ball bleiben, uns einstellen. Das trifft auf alle Kollegen zu. Ansonsten tun wir, was wir immer getan haben - wir vermitteln Wissen und halten die Kinder zum Lernen an. Tafel und Kreide bleiben dabei auch im 21. Jahrhundert eines unserer wichtigsten Hilfsmittel.
Wie wichtig ist heute die Autorität des Lehrers?
Die ist sehr wichtig, ganz klar. Und ja, bei mir stehen die Siebtklässler zum Stundenbeginn auf. Allerdings ist das keine Einbahnstraße. Der Respekt muss gegenseitig kommen. Und ich kenne keinen Kollegen, der seine Schüler nicht als solche achtete. In dieser Hinsicht bietet eine Kleinstadt Vorteile. Man trifft die Eltern auf der Straße. Da gibt es keine Anonymität.
Wie erleben Sie die Eltern ihrer Schüler?
In der Regel sehr interessiert. Dabei spielt das gute Abschneiden der Kinder eine große Rolle. Schließlich hängt deren Zukunft zumindest teilweise davon ab. Das ist am BSZ etwas anders. Dort sind die Jugendlichen ja schon viel älter wenn sie zu uns kommen und die Eltern nehmen sich meist ein Stück zurückgezogen. Grundsätzlich beobachten wir am Gymnasium eine sehr hohe Erwartungshaltung der Eltern - gegenüber ihren Kindern und der Schule.
Sehen Sie Ihr Haus für diese Erwartungen ausreichend gerüstet?
Wir haben sehr gute Bedingungen und eine gute technische Ausstattung. Ärgerlich sind natürlich die Baumängel, deren Behebung ja noch andauert. Wir hoffen aber, dass die Fenster im naturwissenschaftlichen Riegel bald gewechselt werden können.
Fürchten Sie die Konkurrenz durch ein privates Gymnasium in Naunhof?
Klares Nein. Unser Gymnasium bietet eine Menge Vorteile und viele attraktive Angebote. Wir sind von der fünften bis zur neunten Klasse vierzügig und haben Schüler, an deren Wohnorten auch Gymnasien existieren. Der Standort Wurzen ist nicht in Gefahr.
Interview: Markus Tiedke

Leipziger Volkszeitung vom 27.01.2011



erstellt: 31. 01. 2011