Turmbau für Baku

Turmbau für Baku

Wurzen. Allein das Herzstück ist 23 Meter hoch und wiegt 33 Tonnen. Die Wurzener Firma Cryotec hat eine Anlage für ein aserbaidschanisches Unternehmen entwickelt, die normale Dimensionen sprengt.

Peter Bienert kann den Blick gar nicht von dem großen Ungetüm abwenden, das auf dem Hof der Firma Cryotec steht. Der Geschäftsführer ist stolz auf den neuesten Auftrag, den seine Firma an Land gezogen hat. Sie lieferteinen Luftzerlegungsapparat nach Aserbaidschan. Doch das Herzstück der Anlage, die gerade mit Isolierstoff gefüllt wird, ist eine einzige logistische Herausforderung. Denn der Turm - oder die „Cold Box", wie es im Fachjargon richtig heißt -, sprengt sämtliche Dimensionen.

Nichts an dem Turm entspricht gängigen Maßstäben, wie man sie von einer herkömmlichen industriellen Anlage erwarten würde. Auch für Cryotec ist es bisher die größte Anlage, die in Wurzen hergestellt wurde: 23 Meter ist die Box hoch, 33 Tonnen wiegt sie im Endstadium. In ihr soll atmosphärische Luft in ihre Einzelteile zerlegt werden. Diese besteht zu ungefähr 78 Prozent aus Stickstoff, zu rund 21 Prozent aus dem lebenswichtigen Sauerstoff und aus dem Edelgas Argon, das lediglich 0,1 Prozent ausmacht. Der Rest sind unbedeutende Teile, die für die Industrie kaum eine Bedeutung haben. Die drei Hauptkomponenten spielen aber eine große Rolle: Sie können - in Flaschen abgefüllt - für viel Geld verkauft werden. Denn Sauerstoff wird unter anderem eingesetzt, um extrem hohe Temperaturen von mehreren hundert Grad Celsius zu erzielen. Stickstoff wird zum Kühlen genutzt, während Argon als Füllung von Glühlampen oder als Treibgas in der Lebensmittelbranche Verwendung findet.

Mittlerweile ist die Anlage samt Turm schon auf dem Weg in die aserbaidschanische Hauptstadt. Während die übrigen Teile schon länger unterwegs sind, wurde die Box erst Ende vergangener Woche mit Kränen in die Waagerechte gelegt, um sie am Montag auf riesige LKW zu verladen. „Wir müssen uns dabei auf Spezial-Logistikunternehmen verlassen", sagt Bienert. Denn die Cold Box kann nicht zerlegt, sondern nur als Ganzes transportiert werden. Die Polizei muss die Ladung auf dem Weg zum Fährhafen Sassnitz auf Rügen sichern. Von dort wird sie mit einer Eisenbahnfähre nach Russland verschifft, von wo aus sie den letzten Teil der Reise nach Aserbaidschan antritt. Rund drei Wochen wird es dauern, bis die Luftzerlegungsanlage vollständig am Zielort eingetroffen ist.

Für Bienert ist die Anlage nicht nur wegen ihrer ungewöhnlichen Größe von besonderer Bedeutung. Sie soll die Firma stärker in Vorderasien positionieren. Denn auch die Konkurrenz aus China und Indien drängt immer mehr in den Markt. „Da ist es wichtig, dass man als Firma zeigt, dass man auch solche Dimensionen stemmen kann" sagt Bienert.

Kai Kollenberg

Leipziger Volkszeitung vom 18.11.2010



erstellt: 01. 12. 2010