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Helden waren es nicht
Mit zentraler Gedenkveranstaltung in Wurzen sollen Zeichen gesetzt werden
Wurzen (ch). Es sollten mehr Wurzener als in den vergangenen Jahren sein, die den Volkstrauertag zum Anlass nehmen, öffentlich der Opfer von Krieg und Gewalt zu gedenken. Es waren mehr Wurzener als sonst, die sich gestern Nachmittag am Gefallenendenkmal auf dem Alten Friedhof trafen. Mit dieser Aktion setzten diese Einwohner und Gäste ein deutliches Zeichen dafür, dass sie nicht gewillt sind, dieses Mahnmal zur Stätte der Heldenverehrung werden zu lassen.
„Helden waren es mit Sicherheit nicht", sagte Stefan Winkelmann, Gemeindepädagoge der evangelischen Kirchgemeinde der Stadt. Es seien meist junge Männer gewesen, denen nicht bewusst war, wofür sie ihr Leben ließen. Hier setzte Winkelmann an, um NPD-Stadtrat Schroth, der mit einigen Parteifreunden an der Veranstaltung teilnahm, des Zeltes zu verweisen. Die NPD missbrauche den Volkstrauertag und das Denkmal zur Heldenverehrung, daher mache er von seinem Hausrecht Gebrauch. Gehen wollten die Nationaldemokraten nicht sofort. Sie seien Wurzener, die Veranstaltung sei öffentlich. Sie dürften hier sein, sagte er. Als darauf alle übrigen Anwesenden demonstrativ das Zelt räumten und die Nationaldemokraten minutenlang auf eine leere Kinoleinwand starrten - Auszüge aus „Im Westen nichts Neues" sollten gezeigt werden - brach ihr Widerstand. In diesem Zelt bekamen schließlich auch die ersten vier von 700 Gefallenen ein Gesicht, deren Namen in die Pfeiler des Wurzener Denkmals gemeißelt wurden. Mit einem Aufruf waren Wurzener in den vergangenen Wochen aufgefordert worden, nach Unterlagen oder Fotos ihrer Vorfahren zu suchen. Einer derjenigen, die fündig wurden, war SPD-Stadtrat Peter Konheiser. Der Name seines Großonkels Johann ist am Denkmal zu lesen. Dessen letzte Zeilen nach Hause und ein Bild hatte Konheiser dabei. „Seit September 1915 ist er vermisst", erzählte der Wurzener und wertete die neue Art, am Volkstrauertag der Gewaltopfer zu gedenken, als erstes und hoffnungsvolles Zeichen. „Vielleicht müssen wir das nächstes Jahr noch anders machen", meinte der Stadtrat mit Blick auf die Nationaldemokraten in der Runde. Denn verhindern konnte niemand, dass die NPD die von Stadt, Kirche und Standortinitiative initiierte Veranstaltung nutzte, um ebenfalls einen Kranz niederzulegen. Allenfalls war es möglich, sich abzuwenden und damit die Missbilligung auszudrücken. „Wir haben die Wahl, Zeichen zu setzen und uns zu artikulieren oder denen das Feld zu überlassen. Im vergangenen Jahr waren wir sechs Leute, die am Volkstrauertag der Opfer von Krieg und Gewalt gedachten. Mein Ziel war, dass es heute 60 sind. Das scheint erreicht. Vielleicht sind es im nächsten Jahr 600 Wurzener, die Gesicht zeigen und diesem Spuk ein Ende machen", sagte Oberbürgermeister Jörg Röglin.
LVZ/Muldentalzeitung vom 16.11.2009, S. 17 und 19
erstellt: 19. 11. 2009
