Nicht Schiemann-Bahnrad, offenbar ...

Nicht Schiemann-Bahnrad, offenbar ...

© Leipziger Volkszeitung vom 25.10.2008
...Bauwagenrad / Grethener glaubt nicht an Echtheit des historischen Stücks und hat Argumente dafür
Wurzen/Grethen.
Gehört das in der Ausstellung "Industrie in Wurzen: Gestern-Heute-Morgen" in der Stadtkirche St. Wenceslai gezeigte Rad wirklich zur legendären Wurzener Schiemann-Bahn, die Anfang des 20. Jahrhunderts durch die Ringelnatzstadt rollte? Sicher konnte sich niemand sein, jetzt mehren sich Zweifel.

Im Zusammenhang mit unserer Veröffentlichung vom 25. September über das Ausstellungsstück schreibt Eberhard Leipnitz aus Grethen in einem Brief an die Redaktion von einer Laufachse in seinem Besitz, die zur "Vorspannlok des Schiemannzuges gehört, der seinerzeit durch Signalmissachtung einen schweren Unfall verursachte. Diese Achse wurde beim Aufprall des Zuges aus dem Lokomotivrahmen gerissen und rollte noch einige 100 Meter unkontrolliert den Gleiskörper entlang, ehe sie auf ein Stumpfgleis geleitet werden konnte. Von dort übersprang sie den Prellbock und landete schließlich in einem Kleingarten. Aus diesem wurde sie zwecks Verschrottung nie geborgen. Lediglich die Dienstmütze eines Heizers und ein beschädigtes Gebiss unbekannter Herkunft, die noch lange an der Unfallstelle lagen, wurden entsorgt."

Wenn Sie, liebe Leser, noch nicht ins Schmunzeln gekommen sind, dann vielleicht jetzt. So fragt Eberhard Leipnitz in seinem Brief weiter: "Böte sich die Achse nicht als weiteres hochkarätiges Exponat an?" Überdies könne er noch ein Rad der Kutsche, in der Martin Luther einst nach Worms zum Reichstag fuhr, anbieten oder das Spornrad einer Rumpler-Taube (eines Flugzeuges, Anm. d. Red.) aus den Anfängen der Fliegerei zu Beginn des vorigen Jahrhunderts samt Reserverad und Ersatzventilen.

Wer solche Späße macht, dem muss auf den Zahn gefühlt werden. Ein Reporterbesuch bei Eberhard Leipnitz folgte. Der 70-Jährige ist in der Gasse 16 in Parthensteins Ortsteil Grethen zu Hause. Dort lässt der gelernte Elektriker die Katze aus dem Sack. "Ich habe das Rad auf dem in der Zeitung veröffentlichen Foto gleich erkannt. Es gehört zu einer Art Bauwagen, den mein Großvater Ende der 70-er Jahre auf unser Grundstück brachte. Das Gefährt sollte als Gartenhäuschen oder Laube fungieren", ist sich Eberhard Leipnitz sicher. Aber aus dem Lauben-Projekt sei seinerzeit nichts geworden. Stattdessen verfiel der Wagen über die Jahrzehnte. Als Beweis präsentiert Leipnitz Fotos, die das Chassis des Bauwagens zeigen, an dem deutlich die Räder zu erkennen sind. Der Bauwagen stamme aus der Zeit zwischen 1905 und 1910. Damals fuhr auch der Schiemann-Zug durch Wurzen. Das sei aber die einzige Verbindung zwischen Ausstellungsstück und Bahn.

"Im Frühjahr dieses Jahres habe ich mich entschlossen, die Reste des Bauwagens zu entsorgen. Die Firma Rühle aus Wurzen demontierte die Eisenteile und nahm sie inklusive der beiden Vorderräder mit. Übrig von der Schiemann-Bahn ist jetzt noch die von mir erwähnte Vorderachse", schmunzelt Leipnitz. Die ist sogar noch in Augenschein zu nehmen. Auf seinem Anwesen liegt das gute Stück, hunderte Kilo schwer, rostig und verwittert. Die Räder haben eine Durchmesser von etwa 80 Zentimetern. Um Holzspeichen schmiegen sich Metallfelgen, die wiederum Vollgummi bereift sind (siehe Foto). Auch das letzte Relikt des großväterlichen Bauwagens würde demnächst die Firma Rühle entsorgen, so der Besitzer.

Schließlich bot Eberhard Leipnitz dem Reporter noch riesige Nägel an, die eventuell in Wurzens Museumsarsenal Eingang finden könnten. Sie stammten aus der Zeit des Spartakus-Aufstandes und seien bei Ausgrabungen nahe der Via Appia entdeckt worden. Die Nägel könne Leipnitz gebündelt abgeben... Der Reporter lehnte eine Vermittlung zum Museum dankend ab.

Das ausgestellte Rad in der Wenceslaikirche hatte Jan Täschner den Schau-Organisatoren gebracht (die LVZ berichtete). Der Wurzener fand das Exemplar nach eigenen Angaben nahe seiner Werkstatt in der Lüptitzer Straße. "Offensichtlich wollte jemand das Teil einfach loswerden. Zuerst konnten wir uns nicht erklären, woher das Rad stammt. Wir recherchierten und stießen schließlich auf eine historische Aufnahme der Wurzener Schiemann-Bahn. Ich bin sicher, dass das Rad zu der Bahn gehört", erklärte Täschner damals.

Drago Bock



erstellt: 25. 10. 2008